SWR2 2018 Alexander Solschenizyn und sein „Archipel Gulag“ by Michael Hänel published on 2024-11-10T16:18:30Z Alexander Solschenizyn und sein „Archipel Gulag“ Michael Hänel (28 Min) Erstsendung: 6.12. 2018 SWR 2 Es ist der 26. August 1968. Der Dichter Alexander Solschenizyn („Archipel Gulag“, 1965, noch unveröffentlicht) ist an diesem Nachmittag auf dem Weg zu Andrej Sacharow. Es wird keine Fotos des Treffens geben. Im Verborgenen war es in der Wohnung des Physikers Jewgenij Feinberg (1912-2005) im Zentrum Moskaus vereinbart worden. Noch nie hatte der geheime Dichter Solschenizyn den geheimen Forscher Sacharow getroffen. Beide Männer verkörperten exemplarisch die verschiedenen Lebenswelten in der Sowjetunion der 1960er Jahre. Der Roman „Archipel Gulag“ erscheint Ende 1973 in Paris und ist ein internationaler Erfolg. In der Sowjetunion jedoch macht das Buch seinen Autor zur Hassfigur Nummer 1. „In diesem Buch gibt es weder erfundene Personen noch erfundene Ereignisse. Menschen und Schauplätze tragen ihre eigenen Namen.“ So beginnt „Archipel Gulag“ von Alexander Solschenizyn. Der Roman ist Sachbuch und Literatur zugleich. Radikal, leidenschaftlich und kompromisslos in Ton und Inhalt. Eine Anklageschrift vor dem Tribunal der Geschichte, so werden es später seine Biographen nennen. Solschenizyn verbringt 8 Jahre im sowjetischen Gefangenenlager Im Februar 1945 wird Solschenizyn wegen antisowjetischer Propaganda verhaftet und zu acht Jahren Lagerhaft verurteilt. Er hatte in Briefen an einen Freund Stalin kritisiert. Aus Alexander Solschenizyn wird Sanja, ein Zakljutschonij, ein Eingesperrter, ein „Zek“, wie sich die Gefangenen selbst nennen. Er wird Teil der Maschine „Gulag“, des sowjetischen Lagersystems. In „Archipel Gulag“ zeichnet Solschenizyn den Aufbau des Sozialismus als zügellose Ausbeutung des Menschen, organisiert in einem System von Lagern: den „Gulag“. Ohne die Lager sei die Sowjetunion nicht zu verstehen, meint der Autor. Aber „Archipel Gulag“ ist nicht nur Solschenizyns persönlicher Erfahrungsbericht. Grundlage des Romans sind Erzählungen, Erinnerungen und Briefe von 227 Personen, deren Namen Solschenizyn nicht nennen durfte. Über geheime Kommunikationswege bespricht er sich mit seinem Anwalt und Verlegern in Zürich. Er sorgt dafür, dass „Archipel Gulag“ Ende Dezember 1973 in Paris erscheint. Das Buch schlägt ein wie eine Bombe. Solschenizyns 1.500 Seiten starke Anklageschrift des sowjetischen Systems wird zum Welterfolg. Der Autor erklärt den Gulag zum Spiegel einer zerrütteten Gesellschaft. Nach dem Ende der Sowjetunion kann Solschenizyn nach Moskau zurückkehren. Ein paar Jahre wird er in Russland gehört, hat Mitte der 1990er Jahre sogar eine eigene Sendung im Fernsehen. Sein literarisches Vermächtnis aber ist in Zeiten von Fake News und neuem Autoritarismus von unverminderter Kraft